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Mitte
des 19. Jahrhunderts erreichte der Aufbau der oberschlesischen Industrie
die höchste
Blüte.
Großen
Anteil daran hatten deutsche Industrielle wie: von Donnersmarck, von Pless,
Baildon oder Winckler. Unter ihnen befand sich auch Karl Godulla, der es
durch seine Arbeit, Wissensdurst und Tatendrang vom Forstburschen zum Industriellen
gebracht hatte und damit ungeheuren Reichtum erwarb.
Für
den Bedarf der oberschlesischen Industrie waren viele Arbeitskräfte
nötig.
Aus Deutschland konnten sie nicht geholt werden, weil dort zur gleicher
Zeit die Industrie sich auch entwickelte. Auf diese Weise blieb nur der
Osten - und tatsächlich
strömten
aus dem damaligen Polen, welches unter dem russischem Joch litt, viele
Arbeiter nach Oberschlesien.
Aus
meinem Buch „Oberschlesien - anders”:
„
Die Aufnahme in Ruda im Jahre 1831”
Recht
frühzeitig
brach der Winter im Jahre des Herrn 1831 über
Oberschlesien hinein. Schon in den ersten Oktobertagen machte sich unangenehmer
Forst bemerkbar, und gleich darauf fiel der erste Schnee. Bewohner dieses
spärlich
besiedelten Landes im Kreise Tarnowitz froren unheimlich, denn karg war
die Erde und gering der Lohn, den die Grafen Donnersmarck auf Neudeck (Swierklaniec)
und der Oberamtmann Karl Godulla, welcher seinen Sitz in Ruda O/S hatte,
ihren Bauern und Arbeitern zahlten.
„Harte
Arbeit - karger Lohn”waren die Grundsätze
jener beiden so gut wie einzigen Arbeitgeber in Oberschlesien der damaligen
Zeit. Besonders Karl Godulla, welcher in seinem arbeitsreichen Leben jenen
Grundsatz auf eigener Haut verspürte.
Er, der es von einem Nichts zum großen
Reichtum brachte, hatte den Ruf einesGeizhalses
und Menschenschinders. Unheimliche Gerüchte
waren über
diesen sonderbaren Menschen im Umlauf.
„Godulla
habe mit dem Leibhaftigen einen Bund geschlossen„flüsterten
die Alten und „der Teufel gehe bei ihm ein und aus”redete
man in den Gaststuben. WennGodulla
sich hier und daauf
der Straße
sehen ließ,
bekreuzigten sich die Leute, als wären
sie dem „ Gott-sei-bei-uns” begegnet.
Trotz
des großen
Reichtums, den Godulla besaß,
bewohnte jener seltsame Heilige ein ganz einfaches, mit einem Strohdach
gedecktes Bauernhaus in Ruda. Zu seinem einzigen Umgang zählte
nur sein Kutscher und eine schon betagte Köchin,
die für
seinem Haushalt sorgte.
Noch
in den späten
Nachstunden brannte im Hause Godullas ein Licht, ein Beweis dafür,
daß
der Hausherr bei seiner Arbeit saß.
Es war eine einfache Wachskerze, für
zwei Groschen beim Juden Posener gekauft. Karl Godulla war von seiner Arbeit
förmlich
besessen. Er zählte
zu einem der reichsten Menschen Preußens
und gleichzeitig zu einem der sonderbarsten. In seinen Bergwerken, Hütten
und Feldern arbeiten in den dreißiger
und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts fast 8000 Menschen, für
die damaligen Zeit eine ungeheure Zahl.
Godulla
war sehr anspruchsvoll. Vor allen Dingen gegen sich selber und daher auch
seinen Mitarbeitern und Untergebenen gegenüber.
Er verlangte von allen seinen Arbeitnehmern die gleichen Eigenschaften,
die er selbst besaß.
Also Arbeitsfreude,Sparsamkeit,
Sauberkeit, Disziplin und freundliche Umgangsformen sowie Enthaltung von
alkoholischen Getränken.
Während
eines Oktobertages das Jahres 1831 waren die Einwohner der Stadt Kattowitz
Zeugen eines seltsamen Ereignisses. Eine größere
Anzahl preußischer
berittener Gendarme bewachten einen großen
Menschenhaufen auf dem Stadtring Menschen, die wie aus einer anderen Welt
erschienen. In furchtbar zerlumpten Kleidern gab es viele Frauen und Kinder
zu sehen.
Hunger,
Entbehrung und Angst schaute aus ihren Augen. Hier und da hörte
man Kinder laut weinen. Doch die größte
Aufmerksamkeit lenkten Männer
jeden Alters auf sich, die in alten, zerrissenen und heruntergekommenen
Uniformen einen verzweifelten Eindruck machten. Krieger aus längst
vergangenen Zeiten. Mit Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit blickten sie
herum und preßten
ihre Frauen und Kinder an sich.
Der
Anblick jener Menschengruppe war so erbarmungsvoll, daß
manche Einwohner der Stadt Kattowitz in lautes Weinen ausbrachen, denn
aus jenem elendem Menschenhaufen ertönte
eine Sprache, die ihnen auch bekannt war.
Mit
großer
Besorgnis schauten die Polen auf kleine Gruppen von 5 bis 7 Menschen, denen
man von weitem schon ansah, daß
sie die Notabeln der Stadt darstellten, denn hier wurde auch über
ihr Schicksal entschieden. In dieser Gruppe zeichnete sich insbesondere
ein stattlicher Hüne
von ungefähr
30 Jahren aus, der hier das Wort zu führen
schien. Das war Friedrich Grundmann, königlicher
Inspekteur der Stadt Kattowitz in Industrieangelegenheiten und ein guter
Vertrauter Franz Wincklers.
Nun
muß
hier hervorgehoben werden, daß
am 29. November 1830 in dem von aller Welt bezeichneten Kongreßpolen,
das unter russischer Oberherrschaft stand, ein Volks- und Militäraufstand
ausbrach, der gegen die russische Zarenherrschaft in Polen gerichtet war.
Der Zar Nikolaus I., der gleichzeitig König
von Polen war, warf diesen Aufstand auf rücksichtslose
und blutige Weise nieder. Nach der Niederwerfung mußte
ein großer
Teil der Polen, die unmittelbar an diesem Aufstand beteiligt waren, fluchtartig
ihr Land verlassen, von Kosaken verfolgt. Auf ihrem Fluchtweg stand ihnen
nur der Westen offen.
Die
aus ungefähr
400 Menschen bestehende Gruppe hatte in der vorhergehenden Nacht widerrechtlich
die preußische
Genze bei Myslowitz überschritten
und suchte bei den Preußen
Schutz vor russischer Willkür
und Rache.
Zwischen
allen Menschen auf dem Kattowitz Ring machte sich schon eine kleine Unruhe
bemerkbar. Die Stadtväter
konnten noch zu keinem Einverständnis
gelangen, und schon wurde es dunkel.
Endlich
hat Friedrich Grundmann ein altes Weinfaß
bestiegen und wandte sich an die polnischen Ankömmlingte.
Grundmann
versprach ihnen ab sofort Hilfe, Unterkunft, Arbeit und Brot auf preußischer
Erde im Namen des Königs
von Preußen,
Friedrich Wilhelm III. Außerdem
hob er hervor, daß
niemand der Flüchtlinge
in russische Hand ausgeliefert werde, was große
Freude und Erleichterung unter den Menschen auslöste.
Gleichzeitig
wandte sich Grundmann an die Einwohner der Stadt mit der Bitte, jene Flüchtlinge
vorläufig
bei sich aufzunehmen, bis die ganze Sache nach preußischem
Recht und Wesen geregelt sei. Auf einen Wink Grundmanns trat die preußische
Gendarmerie zur Seite, und im Nu vereinigten sich die Flüchtlinge
mit den Einwohnern der Stadt. Held des Tages war natürlich
Friedrich Grundmann. Viele Frauen drängten
sich zu ihm hin, um vor Freude und Dankbarkeit seine Hand zu küssen,
was der Amtmann natürlich
verwehrte. Im Handumdrehen war der Ring menschenleer, und fröhlich
vereinte Menschen zogen nach allen Richtungen der Stadt.
Nach
der Registrierung und ärztlicher
Untersuchung sandte Grundmann eine Abteilung von ungefähr
50 kräftigen
Ankömmlingen
mit ihren Frauen und Kindern zur Arbeit in die nahe liegende Königshütte,
die zur damaligen Zeit schon mit Volldampf arbeitete. Ein anderer Teil
jener Patrioten wurde in die Laurahütte
geschickt, und einen anderen nahm der junge schottische Ingenieur John
Baildon in seine Hütte,
die noch im Aufbau war, auf. Alle erhielten auf der Stelle Wohnung eine
gewisse Summe blanker Taler für
die Einrichtung und weiterhin gut bezahlte Arbeit. Niemand von ihnen dachte
an die elende Vergangenheit zurück.
Aus denen, die noch keine Arbeitszuteilung hatten, bildete Grundmann noch
zwei Gruppen.
Eine
wurde zu Franz Winckler nach Mechtal im Beuthener Kreis geschickt, die
andere zu Karl Godulla nach Ruda. An die Spitze einer jeden Abteilung stellte
Grundmann einen Beamten der Bergbaubehörde
in Tarnowitz, die mit einemBegleitschreiben
ausgerüstet
in seinem Auftrag mit diesen beiden Arbeitgebern verhandeln sollten.
Franz
Winckler in Mechtal nahm die Ankömmlinge
mit offenen Armen auf. Er brauchte Arbeitskräfte
für
die eben in Gang gesetzte Elisabethgrube bei Bobrek und für
den Bau einer neuen Kohlengrube in Mechtal. Gleichzeitig fing Winckler
mit dem Bau einer Arbeitersiedlung, eines Krankenhauses und einer Volksschule
in Kauf an. Noch am gleichen Tage erhielten alle Flüchtlinge
aus dem Osten warme Wohnungen und Arbeit, je seiner Kraft und Bildung angemessen.
Weniger
Glück
hatte die zweite Gruppe, die nach Ruda versandt wurde. Schon in Kattowitz
hatte man viel über
die seltsamen Gerüchte
gehort, die um die Person Godulla im Umlauf waren. Kein Wunder, daß
alle mit Besorgnis ihrem Schicksal entgegensahen.
Vor
dem verrufenen Bauernhaus in Ruda angekommen, erschien niemand, um sie
zu begrüßen
und in Empfang zu nehmen. Vom Kutscher aber, der im nahen Bach seine Pferde
tränkte,
erhielten sie die Auskunft, daß
Godulla zu Hause war. Jener Tarnowitzer Bergbaubeamte, der Godulla doch
gut kannte, konnte sich auch nicht einer innerlichen Angst erwehren, als
er über
die Schwelle jener ”Teufelshütte”
trat und Godulla, ohne ein Wort zu sagen, das Grundmannschreiben überreichte,
denn der Amtmann war kein Freund von Begrüßungsreden.
Ohne
ein Wort zu verlieren, überflog
Godulla das Schreiben und knurrte den Beamten an: „Grundmann hat hier nichts
zu sagen, doch seine Schützlinge
will ich mir mal ansehen”. Voll banger Erwartung standen die Angekommenen
vor der Hütte
und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Endlich öffnete
sich die Tür,
und es erschien ein hagerer Mann von ungefähr
50 Jahren, ganz in Schwarz gekleidet. Sein linker Arm hing taub und leblos
herab, das linke Bein war steif und schien wie gelähmt.
Er hatte einen hinkenden Gang und wurde deswegen „Stelzfuß„
genannt. Ein großer
schwarzer Schlapphut verdeckte seine linke Gesichtshälfte über
die eine breite, blutige Narbe lief. Nur sein rechts Auge funkelte unheimlich.
In
seiner rechten Hand hielt Godulla einen derben Knotenstock, mit dem er
sich recht oft, wie einst der Alte Fritz, sein Recht verschaffte. Mit prüfendem
Auge überblickte
Godulla den elenden Menschenhaufen, der vor Angst und Bange zitternd vor
ihm stand und konnte sich eines Mitleids nicht erwehren. Unter seinem abstoßendenäußerlichen
Wesen hatte Godulla doch ein gutes und mitleidiges Herz. Besonders die
hilflosen Kinder hatten es ihm angetan, den für
jedes hilflose Wesen hatte Godulla stets Hilfe bereit. Sein Krückstock
zeigte auf die Männer
in ihren zerlumpten Uniformen und fragte „Von wo kommen diese daher, das
sind wohl Überreste
aus demSiebenjährigen
Krieg”. „Nein, Herr Oberamtmann” antwortete der Beamte. „Es sind polnische
Kämpfer
für
Recht und Freiheit gegen zaristische Willkür
und Despotismus, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen”.
„Was
heißt
hier Recht und Freiheit?”, Godulla sprach mit krächzender
Stimme.
„Recht
und Freiheit sind nur leere Worte und jeder Mensch hat von den Begriffen
eine andere Vorstellung”.
„Er
scheint davon überhaupt
keine Ahnung zu haben.
Außerdem
bin ich gegen jeden Unruhestifter und Aufwiegler in einer schon aufgestellten
Staatsordnung.”
Der
so Angeredete wagte keine Antwort jenem Gewaltigen gegenüber,
denn Godulla war auch sein Arbeitgeber.
Nun
wandte sich Godulla unmittelbar an die Wartenden: „Ihr seid alle bei mir
aufgenommen, und ich werde in kurzer Zeit wissen, was für
einen Wert ihr darstellt. Bei mir aber bestimme ich Recht und Freiheit.
Wer nicht pariert, wird auf der Stelle hinausgeworfen. Hier wird jeder
nur nach Arbeit und seinem Benehmen beurteilt. Wer tüchtig
und arbeitssam ist, kann es bei mir zu etwas bringen und gesoffen wird
bei mir auch nicht. Wer dem Alkohol ergeben ist, kann auf der Stelle verschwinden”.
Nach
diesen Worten erteilte Godulla dem Bergbaubeamten weitere Anweisungen über
das Schicksal seiner neuen Untertanen und verschwand wieder inseiner
Hütte.
Auf diese Weisefanden
polnische Freiheitskämpfer
des Novemberaufstandes von 1830 in Oberschlesien eine neue Heimat, die
sie nicht mehr verließen.
Ihre
Kinder und Kindeskinder „verschmolzen” im Laufe der Zeit mit der einheimischen
Bevölkerung
und wurden treue Untertanen des Preußenkönigs.
Sie trugen viel zum Aufbau der oberschlesischen Industrie bei, und ihre
Nachkommen leben als „Górno-Œl¹zaki”
im oberschlesischen Industriegebiet bis auf den heutigen Tag.